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Narzissmus – Was ist das?

Narzissmus gilt als „Krankheit unserer Zeit“. Viele Beschäftigte leiden unter der Tyrannei ihrer narzisstischen Kollegen oder Vorgesetzten. Wie genau äußert sich jedoch Narzissmus und wie leiden Betroffene darunter? In diesem Artikel möchte ich einen kurzen Einblick darüber geben.


Zahlreiche Angestellte leiden unter Stress, Nervenzusammenbrüchen und Angstzuständen. Burn-Out ist in der Unternehmenswelt von heute ein geflügeltes Wort. Gerade Opfer von Burn-out verkennen dabei häufig, dass ihre Leiden oftmals im Zusammenhang mit der Persönlichkeit ihrer Kollegen oder Vorgesetzten stehen.

So berichtete Valentina Resetarits in einem Artikel im „Business Insider“ darüber, dass Burnout insbesondere durch mangelnde Anerkennung des Vorgesetzen ausgelöst werden kann. Das heißt, um Burn-out zu verhindern, bedarf es empathischen Vorgesetzten und Kollegen. Empathie – eine Eigenschaft, die gerade unter Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung nicht vorhanden ist.


Sophie hatte gerade ihr großes Ziel erreicht. Sie wurde gerade erst zur Leiterin der Personalabteilung eines großen Maschinenbauunternehmens befördert. Das Glück hielt jedoch nicht lange an. Gerade jetzt, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, wurde sie zum Opfer einer gigantischen Schmutzkampagne, die ihr Kollege lostrat. Ihr Kollege beschuldigte sie sogar das Unternehmen bewusst geschädigt zu haben. Die Anschuldigungen stellten sich als haltlos heraus, aber der Schaden blieb. Trotz der vielen Arbeit fehlte ihr die Anerkennung. Sophie wurde später mit Burnout und einer Angststörung diagnostiziert.

Sophie entschied sich für eine Psychotherapie. In der Therapie gelang es ihr dann mit Hilfe der Therapeutin die Ursache für ihre Ängste, Depressionen und die mentale Erschöpfung ausfindig zu machen. Nicht nur Sophies Kollege, auch ihre Mutter haben eine hochgradig narzisstische Persönlichkeitsstörung, unter welcher Sophie jahrzehntelang leiden musste.


Anzeichen für Narzissmus

Was genau aber ist Narzissmus? Und wie äußert sich dieser? Im Folgenden möchte ich einige wichtige Merkmale anhand des Falls von Sophies Mutter kurz umreißen:


Ihre Mutter überschritt regelmäßig Sophies Grenzen (das Anspruchsdenken „Sense of Entitlement“ des Narzissten)

In gesunden Eltern-Kind-Beziehungen respektieren die Eltern den persönlichen Raum, die Privatsphäre und die Grenzen ihres Kindes. Sie lassen ihm, unabhängig von elterlicher Strenge, Raum zur freien Entfaltung und Entwicklung (Arzt, 2021). Hochgradig narzisstische Eltern hingegen zeichnen sich durch ein übersteigertes Autoritäts- und Kontrollbedürfnis aus. Insbesondere Eigentum und Privatsphäre werden von ihnen nicht gewürdigt. So erinnerte sich Sophie, wie ihre Mutter das Spielzeug, was sie ihr vor 2 Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, an Verwandte verschenkte, ohne sie danach zu fragen. So sah sich ihre Mutter im Recht, wenn sie ungefragt in Sophies Zimmer kam oder die Bilder ihres Freundes wegwarf, schließlich sei „sie ja ihre Mutter.“


Sie war empathielos (The Narcissist’s „lack of empathy“)

In unserem Kulturraum wird „Mutterliebe“ und das damit einhergehende Einfühlvermögen einer Mutter gegenüber Ihren Kindern als gegeben und selbstverständlich angenommen. Tatsächlich sind die allermeisten Mütter besonders empathisch und besitzen ein feines Gespür für die Sorgen und Nöte ihrer Kinder. Im Falle von Sophies Elternteil trifft der Stereotyp der interessierten mitfühlenden Mutter jedoch nicht zu. Im Gegenteil, Sophie erinnert sich daran, wie ihre Sorgen als „Petitessen“ und „Lappalien“ abgetan wurden und ihre Mutter sich sogar genervt zeigte. In der Therapiesitzung schildert sie ihrer Therapeutin unter Tränen, wie ihre Mutter sogar Partei für ihren Mathelehrer ergriff als dieser ihr eine ungerechtfertigte Strafarbeit auftrug.

Wetteifernd und eifersüchtig

Narzissten müssen die Menschen in ihrem Umfeld erniedrigen, um sich groß fühlen zu können. Dies bekam auch Sophie von ihrer narzisstischen Mutter zu spüren. Während viele Eltern gewöhnlicherweise stolz auf das Wissen, die Talente und Fähigkeiten ihrer Kinder sind traf dies auf Sophies Mutter nur sehr bedingt zu. In Gesprächen über alltägliche Themen griff ihre Mutter Sophies Meinung aus Prinzip an. Die Meinungsverschiedenheit gerade bei politischen Diskussionen war Selbstzweck. Sie wertete schulischen Leistungen mit subtilen Spitzen oder spöttischen Bemerkungen ab („ …“).

Betroffenen fällt es besonders schwer dieses Verhalten einzuordnen, da sie sich das Verhalten des Narzissten oftmals anders erklären und nach rationalen Gründen suchen. So könnte die Meinungsverschiedenheit in politischen Diskussionen ja tatsächlich inhaltlicher Natur sein. Gerade Kinder nehmen die Aussagen ihrer Eltern gerne für bare Münze und laufen so Gefahr selbst Identitätsprobleme zu entwickeln.

Die zwei Gesichter des Narzissten

Die zwei Gesichter eines Narzissten


Für Sophie fiel es als Kind umso schwerer das Verhalten ihrer Mutter einzuordnen, da diese nach außen hin ein gänzlich anderes Gesicht zeigte.

Während sie Sophie zu Hause in den eigenen vier Wänden regelmäßig abwertete und verspottete, prahlte sie in der Öffentlichkeit mit Sophies sportlichen und schulischen Leistungen. War sie zu Hause distanziert, kalt und desinteressiert gegenüber Sophies Sorgen und Nöten, so gab sie sich in der Öffentlichkeit als fürsorgliche und liebevolle Mutter.

Diese vermeintlich Fürsorge in der Öffentlichkeit rührte jedoch nicht von einem aufrichtigen Interesse an Sophie, sondern diente vor allem dazu ein perfektes Image der liebevollen Über-Mutter in der Öffentlichkeit zu etablieren. Getreu dem Motto „mehr Schein als Sein“ sind Narzissten besonders darauf bedacht, ein positives Image in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten.

Für Kinder, wie die heranwachsende Sophie ist dieses ambivalente Verhalten besonders verstörend, da gerade Kinder in Stabilität und Sicherheit benötigen.

Manipulation und Gaslighting

Narzissten sehen sich als unfehlbar und übernehmen daher keine Verantwortung für jegliches Fehlverhalten.

Wann immer Sophie ihre Mutter mit deren Fehlern, ihrer Empathielosigkeit und ihrem beißenden Spott konfrontierte, stritt diese alles ab und verharmloste Sophies Erfahrungen. So bekam sie regelmäßig von ihrer Mutter zu hören, dass sie überreagieren würde oder zu sensibel wäre. In der Psychologie gibt es für diese Form der Manipulation den Begriff „Gaslighting“. Gaslighting bezeichnet dabei psychischen Missbrauch, bei welchem Opfer desorientiert und manipuliert werden. Als Folge kann, gerade bei Heranwachsenden, das Selbstbewusstsein und der Realitätssinn massiv erschüttert werden. „Gaslighting“ ist ein komplexes Thema und eine genaue Ausführung würde den Rahmen des Artikels sprengen. Im Falle von Sophies Mutter manifestierte sich Gaslighting in verschiedenen Formen:

  • Sie verharmloste bestimmtes Fehlverhalten oder log darüber (gerade auch dann, wenn sie von Sophie damit konfrontiert wurde).

  • Tat kränkende Bemerkungen als bloßen Scherz ab und warf Sophie vor humorlos oder überempfindlich zu sein.

  • Deutete die Vergangenheit um und warf Sophie vor, sich nicht oder falsch erinnern zu können.

  • Lenkte vom Thema ab und erhob sogar die Deutungshoheit über Sophies Gefühle (Beispiele: „Du solltest doch froh sein darüber, dass …“, „Du solltest zufriedener und dankbar sein …“).

Sophie in der Rolle des Sündenbocks

In narzisstischen Familien nehmen die Familienmitglieder oftmals bestimmte Rollen ein, welche sich an den Bedürfnissen des narzisstischen Elternteils ausrichten. Da der Narzisst selbst nicht in der Lage ist mit seinen Fehlern, der Wut und Frustrationen umzugehen, projiziert er diese auf einen „Sündenbock“. Im Familiengefüge kam diese Rolle regelmäßig Sophie zu. Oftmals bringt der Narzisst regelmäßig andere Familienmitglieder gegen den Sündenbock auf.

Jammern und Opferhaltung des Narzissten

Narzissten stellen sich häufig als Opfer dar. Dieses Verhalten geht einher mit ihrer mangelnden Fähigkeit sich selbst Fehler einzugestehen. Schuld sind immer die anderen. Der Narzisst sieht sich selbst als Opfer der Umstände und der Menschen in seiner Umgebung. Gleichzeitige fühlen sich Narzissten durch das Mitleid, dass sie dadurch bei ihrem Umfeld auslösen, besonders. Ihr Bedürfnis nach Aufmerksamkeit wird befriedigt.


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Literatur


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Bonelli, R. M. (2016). Männlicher Narzissmus: Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist. Kösel.

Cossa, K. (2022). Töchter narzisstischer Mütter: Kommunikation mit Narzissten. https://www.narzissmus.org/kommunikation-mit-narzissten/

Ding, Z., Liu, W., Zhang, G., & Wang, H. (2018). Supervisor narcissism and time theft: Investigating the mediating roles of emotional exhaustion and the moderating roles of attachment style. Frontiers in Psychology, 9. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.02215

Durvasula, R. (2021). The anxiety narcissists cause in the workplace is dangerous. Youtube. Retrieved August 1, 2022, from https://www.youtube.com/watch?v=Dqch_AzqAIw.

Frauchiger, B. (2022). Arbeitsdruck und Burnout - Bei psychischen Krisen reagieren Vorgesetzte oft zu spät. SRF. Retrieved August 1, 2022, from https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/arbeitsdruck-und-burnout-bei-psychischen-krisen-reagieren-vorgesetzte-oft-zu-spaet.

Reid, J. (2022). Survivors of Narcissistic Abuse. https://jreidtherapy.com/survivors-of-narcissism/

Resetarits, V. (2019). Die wahre Ursache von Burnout ist nicht Stress und Überanstrengung, sagt ein renommierter Psychiater. Business Insider. https://www.businessinsider.de/wissenschaft/die-wahre-ursache-

von-burnout-ist-nicht-stress-und-ueberanstrengung-sagt-ein-renommierter-psychiater-2019-6/.

Schmoll, J. M. (2021). Die Maschen der Narzissten: Erkennen - verstehen - selbstbewusst Grenzen setzen. GRÄFE UND UNZER Verlag GmbH.